Ein Nachfahre Cranachs und ein Auftrag, den man nicht ablehnt


Replik nach Lukas Cranach, Öl auf Holz
Replik nach Lukas Cranach, Öl auf Holz

Es war meine allererste Ausstellung: Kulturgut Ittenbeuren in Ravensburg.
Hauptsächlich Repliken altmeisterlicher Werke, die ich in der Technik ihrer Zeit neu gemalt hatte. Und dann stand er vor meiner Replik des Jan van Eyck.

Ernst Munzinger, Eigentümer des Munzinger-Archivs in Ravensburg, einer der bekanntesten Personen-Informationsdienste im deutschsprachigen Raum. Er schaute lange. Dann fragte er, ob ich auch andere Werke in dieser Qualität machen könne.

Er sei ein Nachfahre Lucas Cranachs des Älteren, sagte er. Und in seiner Familie sei es üblich, ein Portrait des Vorfahren bei sich hängen zu haben.

Ich nahm den Auftrag an.


Das Bild

Das Portrait von 1550, heute in den Uffizien in Florenz, zeigt einen alten Mann von ungewöhnlicher Würde. Cranach trägt einen Umhang aus schwarzem Brokat, darunter wird ein weißes Hemd am Halsausschnitt sichtbar. Kurzes graues Haar, ein langer gespaltener Bart. Der Blick ruhig, die Haltung aufrecht, die Ausstrahlung von jemandem, der weiß, wer er ist.

Die Inschrift gibt sein Alter mit 77 Jahren an, woraus sich rückwirkend das Geburtsjahr 1472 ergibt, das heute als gesichert gilt. Was nicht gesichert ist: ob Cranach dieses Bild selbst gemalt hat. Ob das Portrait von ihm oder seinem Sohn Lucas Cranach dem Jüngeren erstellt wurde, kann heute nicht mehr mit Sicherheit beantwortet werden. Der Stil entspricht eher dem des Jüngeren. Die früheste Quelle, die das Bild erwähnt, stammt aus dem 17. Jahrhundert – also gut hundert Jahre nach seiner Entstehung.

Es ist also möglich, dass ein Sohn seinen Vater gemalt hat. Ein letztes Portrait, ein Abschiedsgeschenk, eine Hommage.


Was diese Replik verlangte

Eine Replik eines Cranach ist keine Fingerübung.

Cranachs Stil ist unverwechselbar und gleichzeitig schwer zu fassen. Die Verbindung aus gotischer Strenge und Renaissance-Eleganz, die präzise Linienführung, die kühle Palette mit ihren tiefen Schatten und hellen Inkarnaten. Man muss verstehen, was dahinter steckt, bevor man es nachvollziehen kann.

Das Portrait von 1550 stellt zusätzlich eine spezifische Herausforderung: der Bart. Ein langer, gespaltener, weißgrauer Bart mit hunderten einzelner Haare, die in Cranachs unverwechselbarer Präzision gemalt sind. Jedes Haar einzeln. Jede Strähne mit eigenem Licht, eigenem Schatten, eigener Richtung.

Ich zog meine altmeisterliche Technik konsequent durch – Schicht für Schicht, Lasur für Lasur – und malte die Barthaare tatsächlich einzeln. Es gibt keinen anderen Weg, wenn man das Original ernst nimmt.


Die ugly phase

Jedes Bild durchläuft einen Moment, den man die „ugly phase“ nennt. Den Moment, in dem es schlechter aussieht als am Anfang. Schichten, die noch nicht harmonieren. Farben, die ihre endgültige Beziehung noch nicht gefunden haben. Ein Gesicht, das aussieht wie ein Symptom, nicht wie ein Mensch.

Ernst Munzinger sah das Bild in genau diesem Zustand. Das Gesicht gelb, fast wie bei einer schweren Lebererkrankung. Die Barthaare erst vereinzelt angefangen. Die Gesamtwirkung weit entfernt von dem, was das Bild werden sollte.

Er schwieg. Die Enttäuschung war spürbar, auch wenn er sie nicht aussprach.

Er gab es später selbst zu, an dem Abend, an dem ich vor seinen Rotary-Kollegen in Ravensburg einen Vortrag über die Entstehung des Bildes hielt: „Das wird nichts mehr“, habe er gedacht.


Das Ergebnis

Es wurde doch etwas.

Munzingers Urteil nach der Fertigstellung war kurz und präzise:
„Das ist keine gute Replik. Das ist eine sehr, sehr gute Replik.“

Von einem Nachfahren Cranachs, der weiß, wie das Original aussieht.

Der Vortrag vor den Rotary-Mitgliedern war mein erster öffentlicher Auftritt zu diesem Thema. Er lief gut. Souverän und unterhaltsam, wie man mir sagte.


Was eine Replik ist – und was sie leisten kann

Es gibt eine Haltung im Kunstbetrieb, die Repliken als minderwertig betrachtet. Kopieren als das Gegenteil von Kreativität. Handwerk ohne Geist.

Diese Haltung ist falsch, und sie ist recht jung. Jahrhundertelang war das Kopieren großer Werke die wichtigste Ausbildungsmethode, die ein Maler haben konnte. Rembrandt kopierte. Rubens kopierte. Die Cranach-Werkstatt selbst produzierte Wiederholungen eigener Kompositionen in hoher Stückzahl – mit vollem Stolz und vollem Preis.

Eine Replik in altmeisterlicher Technik ist keine Reproduktion, sondern ein Dialog mit dem Original über Jahrhunderte. Man stellt sich denselben Fragen, die der ursprüngliche Maler gestellt hat. Man scheitert an denselben Stellen. Man findet manchmal Lösungen, die man ohne dieses Gespräch nie gefunden hätte.

Das Portrait von 1550 hängt jetzt bei einem Nachfahren seines Dargestellten. Ob Cranach es selbst gemalt hat oder sein Sohn: es ist zurückgekehrt in die Familie. Das ist eine Geschichte, die ich gern zu Ende gedacht habe.


Borislav Schultheiss nimmt Aufträge für Repliken altmeisterlicher Werke an. Anfragen zur Bildkammer Schultheiss direkt.