Ein Blick ins Atelier – meine Welt


Wer ein Atelier erwartet, das aussieht wie ein Ikea-Katalog für Kreative, ist bei mir falsch. Kein weißer Würfel, keine aufgeräumte Instagrammierbarkeit, keine dekorativen Pinselbehälter aus dem Designerladen.

Die Bildkammer ist ein Arbeitsraum.


Was man riecht, bevor man sieht

Das erste, was Besucher wahrnehmen, ist der Geruch: Leinöl, Malmittel, die leise (Al)chemie eines Raumes, in dem wirklich gearbeitet wird. Kein Terpentin – das habe ich verbannt – aber ein unverwechselbares Aroma, das sich über Jahre eingearbeitet hat.

Für mich ist das Heimat. Für manche Besucher der erste Beweis, dass hier keine Hobbymaler-Nachmittage stattfinden.


Was auf dem Arbeitstisch liegt

Pigmente in Pulverform. Verschiedene Öle. Dammar, Mastix, Wachs. Pinsel in allen Stadien zwischen neu und aufgegeben. Notizbücher, manchmal aufgeschlagen, manchmal nicht. Bücher mit markierten Seiten. Eine Lupe (beleuchtet). Dinge, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

Auf den zweiten Blick auch nicht. Aber ich finde alles.

Die Frage nach der Ordnung im Atelier begleitet mich seit Jahren. Zu viel Ordnung kostet Zeit und erzeugt eine Sterilität, die dem Arbeiten nicht gut bekommt. Zu wenig Ordnung kostet ebenfalls Zeit und erzeugt eine Lähmung, die dem Arbeiten noch schlechter bekommt. Was ich gefunden habe, ist eine Ordnung, die ausschließlich mir verständlich ist. Besucher scheitern regelmäßig daran. Das ist so gewollt.


Was an den Wänden hängt

Werke in verschiedenen Zuständen. Fertige, halbfertige, solche, bei denen ich aufgehört habe weil ich nicht weiterwusste, und solche, bei denen ich aufgehört habe weil ich verstanden habe warum ich nicht weiterwusste. Der Unterschied zwischen beiden ist größer als er klingt. Und natürlich Repliken von Hieronymus Bosch.

Sie hängen nicht zur Dekoration. Sie hängen weil ich sie brauche. Ein Bild, das ich beim Arbeiten im Blickfeld habe, zeigt mir Dinge, die es mir beim direkten Bearbeiten nicht zeigt. Das Atelier ist auch ein Beobachtungsposten.


Was nicht auf dem Tisch liegt

Kein Telefon, wenn es geht. Kein laufender Hintergrund. Musik manchmal, aber mit Bedacht gewählt.

Bestimmte Zustände, die ich beim Malen brauche, sind empfindlich. Sie stellen sich nicht auf Befehl ein und verschwinden schnell. Ein klingelndes Telefon in einem entscheidenden Moment ist so hilfreich wie ein Hustender in einer Konzertstille. Das Atelier hat deshalb eine akustische Eigenart, die ich mir erhalte.

Wer mich besucht, respektiert das meistens. Wer es nicht respektiert, wird nicht wieder eingeladen.


Was der Raum selbst ist

Ein Atelier, das über Jahre gewachsen ist, hat eine eigene Qualität. Die Entscheidungen, die darin getroffen wurden, die Bilder, die entstanden sind, die Stunden des Wartens, die jede Schicht zwischen zwei Lasuren mit sich bringt. Das alles ist präsent als Substanz des Raumes.

Ich habe in verschiedenen Räumen gearbeitet und den Unterschied gelernt. Ein funktionaler, gesichtsloser Raum produziert funktionale, gesichtslose Bilder. Die Bildkammer tut das nicht.


Was das für den Unterricht bedeutet

Gelegentlich unterrichte ich hier. Kleine Gruppen, manchmal Einzelpersonen. Der Raum verändert sich dann, aber er bleibt derselbe Raum. Die halbfertigen Bilder hängen noch. Die Materialien liegen noch so. Der Geruch ist noch da.

Wer hier lernt, lernt in einem Atelier, in dem wirklich gearbeitet wird. Kein Unterrichtsraum, keine neutrale Fläche. Manche Kursteilnehmer sagen hinterher, das sei der wichtigste Teil gewesen. Nicht was sie gelernt haben, sondern wo.

Das glaube ich ihnen.


Borislav Schultheiss, Bildkammer Schultheiss, Riedlingen. Anfragen zu Malkursen direkt.

Zwischen Leinwand und Legende(n) – wer ich bin


Es gibt Kindheiten, die man sich nicht ausdenken kann. Meine war so eine.

Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem das Seltsame, das Surreale, das Verwandelte zum Alltag gehörte. Die Filmemacherin Ulrike Ottinger war eine enge Freundin meiner Eltern. Wer ihre Arbeiten kennt, der versteht, in welcher Atmosphäre ich aufgewachsen bin: die opulenten Kostüme, die mythisch aufgeladenen Frauenfiguren, die Bildwelten, die gleichzeitig archaisch und avantgardistisch wirken.
Es waren keine Besuche im Museum. Das Leben selbst sah so aus.

Tabea Blumenschein saß bei uns am Tisch. Nicht als Ikone, sondern als Gast. Aber natürlich war sie eine Ikone in ihren selbst entworfenen Outfits, die keine Kostüme waren, sondern zweite Haut, Weltanschauung, Schutzpanzer und Einladung zugleich. Sie hatte damals schon den Stil, der mir viel später die Faszination zur Schwarzen Szene wach rief.

Und dann war da Michael Zobel, der Goldschmied, den mein Vater als vertrauten Freund hatte. International anerkannt, mit einem Werk, das Schmuck als skulpturalen Denkraum versteht. Von ihm habe ich gelernt, dass Material eine Sprache hat. Dass ein Werkstoff nicht nur trägt, was man auf ihn aufbringt, sondern selbst spricht.

Es gibt noch eine Person aus dieser Zeit, die ich nicht übergehen kann und deren Fehlen bis heute nachwirkt. Peter Diederichs, Konstanzer Bildhauer und Maler, war ebenfalls ein enger Freund meiner Eltern. Er wollte mir das Malen beibringen. Leider starb er viel zu früh bevor es dazu kam.

Diederichs war ein Autodidakt, der griechische Mythen, alchemistische Symbolik und eine eigene Montagetechnik zu skulpturalen Objekten von verstörender Schönheit verband. Er hatte 1968 gemeinsam mit Ulrike Ottinger ausgestellt. Dieselben Menschen, dieselbe Welt. Ein Netz, das mich umgab, bevor ich wusste, was Kunst bedeutet. Peter Diederichs ist der stille Lehrer, den ich nie hatte.

Dazu kam noch Wien. Mein Vater war in jenem Umfeld unterwegs, aus dem die Wiener Schule des Phantastischen Realismus kam. Arik Brauer, Ernst Fuchs – Namen, die heute in Museen hängen, waren für mich als Kind Teil einer Welt, die einfach existierte. Diese Maler hatten etwas getan, das damals wie heute selten ist: Sie hatten die altmeisterliche Technik der flämischen und deutschen Renaissance nicht als Museums-Erbe betrachtet, sondern als lebendiges Werkzeug für Bilder, die aus dem Unbewussten, aus Mythos und Symbol kamen. Handwerk und Tiefe als zwei Seiten derselben Sache. Dass ich heute genauso arbeite, ist kein Zufall.


Was ich aus dieser Kindheit mitgenommen habe

Die Überzeugung, dass ein Bild mehr wissen darf als sein Maler. Dass Kunst nicht erklären muss, was sie zeigt: sie soll zeigen, was sich nicht erklären lässt. Das Rätselhafte ist die eigentliche Stärke.

Diese Haltung hat mich zum Surrealismus geführt – aber nicht zu dem, was heute unter diesem Begriff läuft.


Was ich male – und wie

Meine Werke entstehen in der altmeisterlichen Öltechnik. Das bedeutet: Schicht für Schicht, Lasur für Lasur. Es ist ein Verfahren, das Geduld erzwingt. Und so passiert etwas mit dem Bild, das schnellere Techniken nicht erlauben. Es atmet. Es reift. Es verändert sich noch, während man es malt.

Daneben arbeite ich mit Eitempera, einer der ältesten Maltechniken überhaupt, die dem Ei als Bindemittel vertraut und eine Leuchtkraft erzeugt, die keine moderne Farbe replizieren kann.

In diese handwerkliche Tiefe fließt ein Wissen ein, das ich gerne als lebendiges Erbe bezeichne: Symbolismus, Alchemie, Kabbala, die Sigillenarbeit nach Austin Osman Spare. Als Denkform, keine Dekoration.


Für wen ich schreibe

Dieser Blog ist kein Lehrplan und kein Manifest. Er ist ein Atelier-Tagebuch für Menschen, die spüren, dass Kunst mehr sein kann als schöne Dekoration und die neugierig genug sind, tiefer zu schauen.

Käuferinnen und Käufer, die wissen wollen, was sie mit nach Hause nehmen, wenn sie ein Bild von mir kaufen. Auftraggeber, die ein Werk suchen, das nicht nur hängt, sondern wirkt. Und Malerinnen und Maler, die bereit sind, ihr Handwerk von Grund auf zu denken. Gerne gebe ich mein Wissen weiter.

Willkommen in der Bildkammer.


Borislav Schultheiss ist bildender Künstler mit Atelier in Riedlingen an der Donau. Er unterrichtet altmeisterliche Ölmalerei und Eitempera in kleinen Gruppen. Informationen zu Malkursen auf Anfrage.