Es gibt Kindheiten, die man sich nicht ausdenken kann. Meine war so eine.
Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem das Seltsame, das Surreale, das Verwandelte zum Alltag gehörte. Die Filmemacherin Ulrike Ottinger war eine enge Freundin meiner Eltern. Wer ihre Arbeiten kennt, der versteht, in welcher Atmosphäre ich aufgewachsen bin: die opulenten Kostüme, die mythisch aufgeladenen Frauenfiguren, die Bildwelten, die gleichzeitig archaisch und avantgardistisch wirken.
Es waren keine Besuche im Museum. Das Leben selbst sah so aus.
Tabea Blumenschein saß bei uns am Tisch. Nicht als Ikone, sondern als Gast. Aber natürlich war sie eine Ikone in ihren selbst entworfenen Outfits, die keine Kostüme waren, sondern zweite Haut, Weltanschauung, Schutzpanzer und Einladung zugleich. Sie hatte damals schon den Stil, der mir viel später die Faszination zur Schwarzen Szene wach rief.
Und dann war da Michael Zobel, der Goldschmied, den mein Vater als vertrauten Freund hatte. International anerkannt, mit einem Werk, das Schmuck als skulpturalen Denkraum versteht. Von ihm habe ich gelernt, dass Material eine Sprache hat. Dass ein Werkstoff nicht nur trägt, was man auf ihn aufbringt, sondern selbst spricht.
Es gibt noch eine Person aus dieser Zeit, die ich nicht übergehen kann und deren Fehlen bis heute nachwirkt. Peter Diederichs, Konstanzer Bildhauer und Maler, war ebenfalls ein enger Freund meiner Eltern. Er wollte mir das Malen beibringen. Leider starb er viel zu früh bevor es dazu kam.
Diederichs war ein Autodidakt, der griechische Mythen, alchemistische Symbolik und eine eigene Montagetechnik zu skulpturalen Objekten von verstörender Schönheit verband. Er hatte 1968 gemeinsam mit Ulrike Ottinger ausgestellt. Dieselben Menschen, dieselbe Welt. Ein Netz, das mich umgab, bevor ich wusste, was Kunst bedeutet. Peter Diederichs ist der stille Lehrer, den ich nie hatte.
Dazu kam noch Wien. Mein Vater war in jenem Umfeld unterwegs, aus dem die Wiener Schule des Phantastischen Realismus kam. Arik Brauer, Ernst Fuchs – Namen, die heute in Museen hängen, waren für mich als Kind Teil einer Welt, die einfach existierte. Diese Maler hatten etwas getan, das damals wie heute selten ist: Sie hatten die altmeisterliche Technik der flämischen und deutschen Renaissance nicht als Museums-Erbe betrachtet, sondern als lebendiges Werkzeug für Bilder, die aus dem Unbewussten, aus Mythos und Symbol kamen. Handwerk und Tiefe als zwei Seiten derselben Sache. Dass ich heute genauso arbeite, ist kein Zufall.
Was ich aus dieser Kindheit mitgenommen habe
Die Überzeugung, dass ein Bild mehr wissen darf als sein Maler. Dass Kunst nicht erklären muss, was sie zeigt: sie soll zeigen, was sich nicht erklären lässt. Das Rätselhafte ist die eigentliche Stärke.
Diese Haltung hat mich zum Surrealismus geführt – aber nicht zu dem, was heute unter diesem Begriff läuft.
Was ich male – und wie
Meine Werke entstehen in der altmeisterlichen Öltechnik. Das bedeutet: Schicht für Schicht, Lasur für Lasur. Es ist ein Verfahren, das Geduld erzwingt. Und so passiert etwas mit dem Bild, das schnellere Techniken nicht erlauben. Es atmet. Es reift. Es verändert sich noch, während man es malt.
Daneben arbeite ich mit Eitempera, einer der ältesten Maltechniken überhaupt, die dem Ei als Bindemittel vertraut und eine Leuchtkraft erzeugt, die keine moderne Farbe replizieren kann.
In diese handwerkliche Tiefe fließt ein Wissen ein, das ich gerne als lebendiges Erbe bezeichne: Symbolismus, Alchemie, Kabbala, die Sigillenarbeit nach Austin Osman Spare. Als Denkform, keine Dekoration.
Für wen ich schreibe
Dieser Blog ist kein Lehrplan und kein Manifest. Er ist ein Atelier-Tagebuch für Menschen, die spüren, dass Kunst mehr sein kann als schöne Dekoration und die neugierig genug sind, tiefer zu schauen.
Käuferinnen und Käufer, die wissen wollen, was sie mit nach Hause nehmen, wenn sie ein Bild von mir kaufen. Auftraggeber, die ein Werk suchen, das nicht nur hängt, sondern wirkt. Und Malerinnen und Maler, die bereit sind, ihr Handwerk von Grund auf zu denken. Gerne gebe ich mein Wissen weiter.
Willkommen in der Bildkammer.
Borislav Schultheiss ist bildender Künstler mit Atelier in Riedlingen an der Donau. Er unterrichtet altmeisterliche Ölmalerei und Eitempera in kleinen Gruppen. Informationen zu Malkursen auf Anfrage.

