Malen nach Zahlen – was die Frage wirklich bedeutet

Verkaufsoffener Sonntag auf dem Marktplatz in Bad Buchau.

Ich malte live. Pinsel, Holztafel, Ölfarben. Das Motiv: meine Interpretation der Tarotkarte „Die Liebenden“. Der Titel stand dabei, lesbar, ohne Fremdwörter. Das Publikum: eine katholisch-schwäbische Gemeinde in ihrer ganzen Sonntagspracht.

Eine Frau blieb stehen. Schaute zu. Fragte dann: „Ist das echt oder Malen nach Zahlen?“

Keine Antwort fiel mir ein. Sie ging weiter. Die Liebenden, unbemerkt. Der Titel, ungelesen. Das Motiv, unsichtbar. Mitten auf einem Marktplatz, bei Tageslicht, neben dem Schild.

„Schöner“ hätte ich es nicht inszenieren können. Und ich hätte es nie so geplant.


Was Malen nach Zahlen ist

Ein amerikanisches Freizeitprodukt aus den 1950ern. Gut gemeint. Vorhersehbares Ergebnis garantiert, Überraschung systembedingt ausgeschlossen. Man füllt aus, kommt ans Ziel, hängt es auf.

Ich sage das ohne Herablassung. Wirklich. Macht ja vielen auch richtig Spaß.

Aber das Gegenteil davon ist genau das, was ich tue.


Was beim lebendigen Malen passiert

Ich weiß zu Beginn nicht, wie das Bild endet. Es entwickelt sich, verlangt Entscheidungen, die ich nicht geplant habe, zeigt mir Dinge, die ich nicht gesucht habe. Auf dem Marktplatz kam alles dazu: das Licht, die Geräusche, die Blicke, der eigene Zustand in diesem Moment. Das fließt ein.

Ein Bild trägt den Weg in sich, auf dem es entstanden ist. Man sieht ihn nicht immer. Man spürt ihn.

Malen nach Zahlen hat keinen Weg. Nur ein Ziel.


Kurz darauf

Ein Windstoß. Die Staffelei kippt. Die Holztafel mit nasser Farbe landet auf der Straße.

Ein Mann, der schon die ganze Zeit direkt daneben an einem Stehtisch stand, schaute kurz herunter: „Oh, da isch ebbes runderg’falle‘.“

Dann trank er weiter seinen Wein.

Ich sammelte Pinsel, Malmittel und das Bild ein und begann mit der Reinigung. Allein, versteht sich. Der Mann war beschäftigt.

Man könnte sagen, er hat die Lage korrekt erfasst.


Die Presse

Einige Tage später erschien ein Bericht in der Schwäbischen Zeitung. Der Riedlinger Künstler Borislav Schultheiss habe beeindruckende Bilder gemalt, die zugunsten des Fördervereins der Federseeschule versteigert worden seien und „immerhin 150 Euro erbracht hätten“.

Zur Klarstellung: Verkauft wurde ein Bild. 20 mal 20 Zentimeter. Eines. Und nur dieses stand für den guten Zweck zum Verkauf.

150 Euro für „mehrere beeindruckende Bilder“ klingt nach einem Flohmarktnachmittag. 150 Euro für ein Unikat, spontan auf einem Marktplatz entstanden und direkt versteigert, ist eine andere Geschichte. Aber Genauigkeit und Druckschluss hatten offenbar andere Prioritäten.

Ich habe selten einen Tag so vollständig abgeschlossen erlebt. Die Liebenden, unbemerkt. Das Bild, gestürzt. Der Zeuge, weintrinkend. Die Zeitung, großzügig im Plural.


Falls die Frau diesen Blog je liest:

Es ist echt. Und das Motiv auch. Schauen Sie nochmal hin.


Borislav Schultheiss malt gelegentlich live bei Veranstaltungen. Wer ihn dabei erleben möchte, kann sich direkt melden.