Warum ich male wie vor 400 Jahren

Replik nach Jan van Eyck, Öl auf Holz
Borislav Schultheiss, Replik nach Jan van Eyck, Öl auf Holz

Wenn ich jemandem erzähle, dass ich in der altmeisterlichen Technik male, kommt meistens eine von zwei Reaktionen.
Die erste: ehrliches Interesse, eine leichte Ehrfurcht und viele Fragen.
Die zweite: ein freundliches Lächeln, das ungefähr sagt: „wie schön, dass es das noch gibt“.

Als wäre es ein Handwerk wie Kerzengießen oder Drechseln. Etwas Bewahrenswertes, aber letztlich doch Anachronistisches.

Ich sehe das anders.


Eine Technik ist keine Nostalgie

Die altmeisterliche Ölmalerei wurde zur Zeit der Renaissance entwickelt, weil sie etwas leistet, das keine spätere Technik in gleicher Weise erreicht hat.

Ihre Grundlage ist das Schichtprinzip. Ein Gemälde entsteht nicht in einem Zug, sondern über viele aufeinander aufbauende Lagen: Unterzeichnung, Imprimatur, Untermalung, Lasuren, Weißhöhungen, Schlusslagen.
Jede Schicht hat ihre eigene Funktion, ihr eigenes Material, ihre eigene Trocknungszeit. Ein Werk kann Tage in Anspruch nehmen, bevor die erste eigentliche Farbschicht aufgetragen wird, davor bleibt es monochrom.

Das klingt umständlich? Nö, im Gegenteil, dauert halt.

Dazu kommt: Ich arbeite ausschließlich mit ungiftigen Materialien. Kein Terpentin, keine gesundheitsschädlichen Lösungsmittel. Das ist möglich, ohne an Qualität zu verlieren, erfordert aber Kenntnis der Alternativen. Für mich ist es Respekt: gegenüber dem Material, gegenüber dem eigenen Körper, gegenüber denen, die im gleichen Raum arbeiten.


Was Schichten mit Licht machen

Wer ein altmeisterliches Gemälde im Original gesehen hat, kennt diesen eigentümlichen Effekt: Das Licht scheint aus dem Bild heraus. Es leuchtet, ohne zu glänzen. Es hat eine Tiefe, die fotografisch kaum zu erfassen ist.

Das ist kein Trick und keine Magie. Es ist Physik.

Transparente Lasurschichten lassen das Licht durch, bis es auf die darunterliegenden, helleren Schichten trifft. Dort wird es reflektiert und tritt wieder durch die Lasuren zurück. Das Auge nimmt dieses gebrochene, gefilterte Licht als etwas Lebendiges wahr. Als etwas, das atmet.

Kein schnell aufgetragenes Ölbild kann das erzeugen. Kein Acryl (Neeein, auch nicht mit Lasurmitteln. Habe es immer wieder versucht). Keine digitale Technik. Die Zeit, die in das Werk eingeht, wird sichtbar.


Was die Langsamkeit verändert

Es gibt einen Aspekt der altmeisterlichen Technik, über den wenig gesprochen wird, der mir aber der bedeutsamste scheint.

Die Langsamkeit verändert die Beziehung zwischen Maler und Bild.

Wer schnell malt, trifft viele Entscheidungen in kurzer Zeit. Das hat seine eigene Energie, seine eigene Qualität. Jedoch lässt es wenig Raum für das, was sich einem Bild von selbst erschließt, wenn man lange genug mit ihm zusammen ist.

In der altmeisterlichen Technik hat man keine Wahl. Man muss warten. Zwischen den Schichten liegen Tage. In diesen Tagen schaut man. Man denkt nach. Man sieht Dinge, die man beim Malen nicht gesehen hat. Und dann, wenn die nächste Schicht möglich ist, trägt man nicht einfach weiter auf, was man geplant hatte. Man antwortet auf das, was da ist.

Das Bild wird zu einem Gesprächspartner. Und das Gespräch dauert lange genug, um wirklich etwas zu sagen. (Ja, es stehen viele Gespräche hier rum…)


Warum das für meine Inhalte keine Nebensache ist

Meine Werke tragen Inhalte, die sich nicht in einem Blick erschließen. Symbolik, die gelesen werden will. Schichten von Bedeutung, die man nicht auf einmal sieht.

Es wäre merkwürdig, solche Bilder schnell zu malen.

Die Technik und der Inhalt bedingen sich gegenseitig. Ein Bild, das aus dem Unbewussten kommt, langsam wächst, schichtweise entsteht, ist etwas anderes als dasselbe Motiv, das in wenigen Stunden auf die Leinwand gebracht wird. Die Zeit verändert das Werk. Sie ist kein Rahmen, sondern Teil des Prozesses.

Und der Begriff „Schichtarbeiter“ bekommt eine neue Bedeutung.


Was das für denjenigen bedeutet, der ein solches Bild kauft

Ein altmeisterliches Gemälde ist kein Objekt, das hergestellt wurde. Es ist ein Objekt, das gereift ist. Und Dank der Materialwahl riecht es auch nicht fermentiert.

Man merkt die Reifung nicht sofort. Aber man merkt sie. Sie liegt in der Qualität des Lichts, in der Dichte der Farbe, in einer gewissen Stille, die solche Bilder haben. Sie sind nicht laut. Sie verlangen Aufmerksamkeit.

Und sie geben sie zurück.


Borislav Schultheiss unterrichtet altmeisterliche Ölmalerei in kleinen Gruppen in der Bildkammer Schultheiss. Wer mehr über Technik und Prozess erfahren möchte, kann sich gern direkt melden.