Surrealismus ist kein Bingo-Spiel mit Motiven


Das Wort begegnet mir überall. Auf Instagram, in Galerien, in Ausstellungstexten. „Surrealistisch“ ist das neue „verrückt“ – ein Begriff, der so viel bedeuten soll, dass er am Ende nichts mehr bedeutet.

Der Surrealismus, dem ich mich verpflichtet fühle, hat mit dem, was heute meistens so heißt, nur den Namen gemeinsam.


Was Surrealismus nicht ist

Es gibt ein Bild, das ich in Variationen immer wieder sehe: Ein Wal schwebt über einer Wüste. Eine Uhr tropft von einem Ast. Ein Auge wächst aus einer Rose. Ein Kind sitzt auf einem Mond.

Diese Bilder sind nicht surreal. Sie sind kombinatorisch. Jemand hat zwei Dinge genommen, die nicht zusammenpassen, und sie nebeneinandergestellt in der Hoffnung, dass der Kontrast allein eine Wirkung erzeugt. Das ist eine legitime Technik. Aber sie hat mit dem ursprünglichen surrealistischen Projekt so viel zu tun wie ein Horoskop mit Astronomie.

Das Problem ist nicht die Ästhetik.
Das Problem ist die Herkunft des Bildes.

Ein Bild, das auf der Frage basiert: Was könnte seltsam aussehen?, kommt aus dem Kopf. Genauer: aus dem planenden, kontrollierenden, bewussten Teil des Kopfes. Und genau dieser Teil ist es, den der ursprüngliche Surrealismus überwinden wollte.


Was Surrealismus wirklich war

André Breton hat den Surrealismus 1924 im ersten Manifest als „reinen psychischen Automatismus“ beschrieben. Das klingt technisch, meint aber etwas sehr Einfaches: Lass den Verstand los! Lass etwas auftauchen, das tiefer kommt als die Absicht.

Die Surrealisten Max Ernst, Salvador Dalí in seinen frühen Jahren(!), Giorgio de Chirico, Leonora Carrington arbeiteten aus dem Unbewussten. Nicht über das Unbewusste. Das ist ein entscheidender Unterschied.

De Chirico malte Stadtplätze, die niemand je gesehen hat und doch erkennt man sie sofort, weil sie aus einem Raum kommen, den jeder kennt: dem Raum der Träume, der Ahnung, der namenlosen Beklommenheit. Max Ernst entwickelte Techniken wie Frottage und Décalcomanie, um die Kontrolle absichtlich zu untergraben. Er wollte sehen, was entsteht, wenn er aufhört zu entscheiden.
Leonora Carrinton sagte streng in einem Interview: „Du willst eine intellektuelle Antwort von mir. So geht das nicht!“

Das ist das eigentliche Programm: nicht Seltsames bauen, sondern Tiefes freilegen.


Das Unbewusste ist kein Dekorationselement

Hier liegt das entscheidende Missverständnis, das ich immer wieder beobachte.

Das Traumhafte wird als Fundus benutzt. Man greift hinein, zieht etwas heraus, das ungewöhnlich aussieht, und platziert es im Bild. Der bewusste Verstand bleibt dabei vollständig am Steuer. Er entscheidet, was „surreal genug“ wirkt, was gut aussieht, was verkaufbar ist.

Das Ergebnis sind Bilder, die scheinbar das Unbewusste illustrieren, ohne aus ihm zu kommen. Sie erzählen von Tiefe, ohne tief zu sein.

Ein echter Zugang zum Unbewussten fühlt sich anders an und sieht auch anders aus. Er ist weniger kontrollierbar. Er erzeugt Bilder, die den Maler selbst überraschen. Manchmal beunruhigen. Manchmal rätselhaft bleiben, auch wenn das Werk längst fertig ist.

Das ist mein Anspruch.


Was mein Surrealismus bedeutet

Meine Werke entstehen nicht aus dem Wunsch, surreal zu wirken. Sie entstehen aus einem Prozess, der älter ist als der Begriff.

Die altmeisterliche Technik, in der ich arbeite, erzwingt eine bestimmte Langsamkeit. Schicht für Schicht. In dieser Langsamkeit verändert sich die Beziehung zum Bild. Es wird nicht mehr nur ausgeführt, es entwickelt sich. Und in dieser Entwicklung taucht etwas auf, das ich zu Beginn nicht geplant hatte.

Dieses Auftauchen ist das, worum es geht.

Das spirituelle und symbolische Wissen, das in meine Werke einfließt – Alchemie, Kabbala, Sigillenarbeit, archetypische Bildsprache – dient nicht der Dekoration. Es dient als Struktur, innerhalb derer das Unbewusste sprechen kann, ohne ins Beliebige zu kippen.

Der eigentliche Inhalt kommt von woanders. Ich „lasse“ malen…


Eine letzte Unterscheidung

Es gibt Bilder, die man versteht, sobald man sie sieht. Man erkennt die Absicht, man liest die Botschaft, man nickt und geht weiter.

Und es gibt Bilder, bei denen man stehen bleibt, ohne genau zu wissen warum. Die man im Kopf behält, lange nach dem Besuch. Die einem im Halbschlaf wieder einfallen.

Bilder, die aus der Oberfläche kommen, treffen die Oberfläche. Bilder, die aus der Tiefe kommen, treffen etwas, das tiefer liegt.

Daran orientiere ich mich.


Borislav Schultheiss ist bildender Künstler mit Atelier in Riedlingen an der Donau. In seinen Malkursen behandelt er unter anderem die Frage, wie man einen Zugang zum eigenen Bildraum findet – jenseits bewusster Planung. Informationen auf Anfrage.